An einem Tag im Jahr 1998 sah ein Animator bei Pixar zu, wie Woody verschwand. Erst löste sich sein Hut aus dem Dateisystem, dann die Stiefel, dann der Rest der Figur. Jemand hatte auf dem Server mit Toy Story 2 den Unix-Befehl /bin/rm -r -f * abgesetzt, und der Befehl tat genau das, wofür er gebaut ist: alles löschen, rekursiv, ohne Rückfrage.

Als der Rechner endlich vom Netz war, waren rund 90 Prozent des Films weg. Zwei Jahre Arbeit von Dutzenden Leuten.

Kein Problem, genau dafür gibt es Backups. Nur: Pixars Backup-System war seit etwa einem Monat stillschweigend kaputt, und niemand hatte es bemerkt. Die letzte brauchbare Kopie war zu alt, um noch etwas zu retten.

Gerettet vom Mutterschutz

Der Film überlebte aus einem einzigen Grund. Galyn Susman, die Technische Direktorin des Films, hatte kurz zuvor ein Kind bekommen und arbeitete von zu Hause. Auf ihrem Rechner daheim lag eine Kopie des Films, regelmäßig aktualisiert, damit sie zwischendurch weiterarbeiten konnte.

Ihr Computer wurde ins Studio gefahren, ans Netzwerk gehängt, und der Dateibaum kopiert. Der größte Teil des Films kam zurück. Toy Story 2 spielte später rund eine halbe Milliarde Dollar ein, und das Studio hatte eine Lektion, die es bis heute erzählt: Ein Backup ist nur dann ein Backup, wenn jemand prüft, ob es funktioniert.

Fun Fact

Toy Story 2 wurde praktisch zweimal gelöscht. Monate nach der Dateirettung entschied Pixars Führung, dass der Film nicht gut genug war, und drehte den Großteil in neun Monaten neu. Die Version, die beinahe verschwand, ist nicht die aus dem Kino.

Papier brennt auch

Alles zu verlieren ist keine digitale Erfindung. Am 15. Dezember 1836 brannte das Gebäude des US-Patentamts, und mit ihm verbrannten rund 10.000 Patentdokumente und 7.000 Patentmodelle, das gesamte Archiv amerikanischer Erfindungen bis zu diesem Tag. Die Regierung hatte keine Kopien aufbewahrt.

Die Wiederherstellung kam von den Nutzern. 1837 verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das Erfinder bat, ihre eigenen Ausfertigungen der verbrannten Patente einzuschicken, damit das Amt seine Akten neu aufbauen konnte. Etwa 2.845 Patente kamen so zurück. Sie heißen heute X-Patente. Die übrigen rund siebentausend sind bis heute verloren.

Fun Fact

Die Patent-Rettung von 1837 war im Grunde ein Crowdsourcing-Restore aus verteilten Kopien, 140 Jahre bevor irgendjemand „verteilt" über Daten sagte.

Der größere Brand kam 1973. Kurz nach Mitternacht am 12. Juli fing das National Personnel Records Center in St. Louis Feuer und brannte 22 Stunden lang. Im sechsten Stock lagerten rund 22 Millionen Personalakten des US-Militärs; schätzungsweise 16 bis 18 Millionen davon wurden vernichtet, darunter etwa 80 Prozent aller Army-Akten von 1912 bis 1960. Es gab keine Duplikate und keinen Mikrofilm. Veteranen, die Leistungen beantragten, mussten feststellen, dass der staatliche Nachweis ihres Dienstes nicht mehr existierte. Archivare in St. Louis rekonstruieren bis heute Akten aus verstreuten Quellen, mehr als 50 Jahre später.

Die Cloud verliert Dinge

Die Cloud sollte damit Schluss machen. Im Oktober 2009 lieferte sie stattdessen einen ihrer ersten berühmten Ausfälle: Die Server hinter dem T-Mobile Sidekick, betrieben von Microsofts Tochter Danger, verloren die persönlichen Daten von schätzungsweise 800.000 Nutzern. Kontakte, Fotos, Kalender. Der Sidekick speicherte fast alles serverseitig, viele Nutzer hatten also keine lokale Kopie als Rückfalloption. T-Mobiles Entschädigung für ein gelöschtes digitales Leben: ein Gutschein über 100 Dollar.

MySpace übertraf das in der Größenordnung. Bei einer Servermigration zerstörte die Plattform die Dateien sämtlicher Songs, die zwischen 2003 und 2015 hochgeladen worden waren, rund 50 Millionen Titel von 14 Millionen Künstlern. Der Verlust passierte still und wurde erst 2019 öffentlich, nachdem Nutzern aufgefallen war, dass der Musikplayer fehlte. Das Statement der Firma: Es gibt keine Möglichkeit, die Daten wiederherzustellen.

Und 2017 zeigte GitLab, wie dünn die Linie selbst dann ist, wenn man sich vorbereitet glaubt. Ein übermüdeter Administrator wollte eine Datenbank-Replika aufräumen, setzte den Löschbefehl auf dem falschen Server ab und schrumpfte eine 300-Gigabyte-Produktionsdatenbank auf 4,5 Gigabyte. Die Firma hatte fünf Backup- und Replikationsmechanismen. In den Worten des eigenen Postmortems: Keiner davon funktionierte zuverlässig. Was GitLab rettete, war ein manueller Snapshot, den ein Techniker zufällig sechs Stunden vorher gezogen hatte. Die Wiederherstellung dauerte rund 18 Stunden, und die Firma streamte sie live auf YouTube, während Tausende zusahen.

Ein Backup, das keiner lesen kann

Es gibt noch einen zweiten Weg, Daten zu verlieren: sie perfekt sicher in einem Format aufbewahren, das nichts mehr öffnen kann.

1986 feierte die BBC den 900. Geburtstag des Domesday Book, Englands großer Landvermessung von 1086, mit einer digitalen Version Großbritanniens. Rund eine Million Menschen steuerten Fotos, Karten und Ortsbeschreibungen bei, gespeichert auf Laserdiscs, die genau eine Gerätekombination lesen konnte: einen Acorn BBC Master, verkabelt mit einem speziellen Laserdisc-Player von Philips.

2002, sechzehn Jahre später, waren funktionierende Player so selten geworden, dass die Discs kurz vor der Unlesbarkeit standen; ein universitäres Emulationsprojekt musste den Inhalt retten. Das Original von 1086, Tinte auf Pergament, war über 900 Jahre alt und immer noch tadellos lesbar.

Drei, zwei, eins

Die Standardantwort auf all das passt in drei Zahlen. Die 3-2-1-Regel: drei Kopien von allem, was wichtig ist, auf zwei verschiedenen Speicherarten, eine davon woanders. Populär gemacht hat sie keine IT-Abteilung, sondern ein Fotograf, Peter Krogh, in einem Buch über die Verwaltung digitaler Fotos von 2005. Inzwischen empfehlen sie auch US-Sicherheitsbehörden.

Es gibt sogar einen Feiertag dafür. Der World Backup Day ist der 31. März, ganz bewusst einen Tag vor dem 1. April. Sein Gründer startete ihn 2011, nachdem er den Beitrag von jemandem gelesen hatte, der seine Festplatte verloren hatte und sich wünschte, jemand hätte ihn rechtzeitig erinnert.

Betrachtet euch hiermit als erinnert. Das Muster ist in all diesen Geschichten dasselbe: Der Verlust kam leise, das Backup wurde angenommen statt geprüft, und die Kopie, die am Ende alles rettete, existierte halb aus Zufall. Woody überlebte wegen einer Babypause. Die X-Patente überlebten in den Schubladen der Erfinder. Eure Dateien haben etwas Planvolleres verdient.

Die ganze Geschichte der Toy-Story-2-Rettung erzählt Pixar-Mitgründer Ed Catmull aus erster Hand in Die Kreativitäts-AG * (Werbung), seinem Buch darüber, wie das Studio arbeitet.

Die Zeitleiste

  • 1086

    Das Domesday Book wird auf Pergament geschrieben. Es ist bis heute lesbar.

  • 1836

    Das US-Patentamt brennt ab. Rund 10.000 Patente verbrennen; die Regierung hatte keine Kopien.

  • 1837

    Der Kongress bittet Erfinder um ihre eigenen Ausfertigungen. 2.845 Patente kommen als „X-Patente" zurück.

  • 1973

    Ein Brand vernichtet 16 bis 18 Millionen Militärakten in St. Louis. Duplikate gab es keine.

  • 1986

    Das BBC Domesday Project speichert ein digitales Abbild Großbritanniens auf Laserdiscs.

  • 1998

    Ein verirrter Löschbefehl vernichtet rund 90 Prozent von Toy Story 2. Die Backups waren seit einem Monat kaputt.

  • 2002

    Die Domesday-Laserdiscs sind fast unlesbar; ein Emulationsprojekt rettet sie. Dem Original von 1086 geht es gut.

  • 2005

    Der Fotograf Peter Krogh macht die 3-2-1-Backup-Regel populär.

  • 2009

    Der Sidekick-Ausfall löscht die Daten von rund 800.000 Nutzern. Entschädigung: ein 100-Dollar-Gutschein.

  • 2011

    Der World Backup Day wird gegründet: 31. März, ein Tag vor dem 1. April.

  • 2017

    GitLab löscht eine Produktionsdatenbank. Fünf Backup-Mechanismen, keiner funktioniert; ein sechs Stunden alter manueller Snapshot rettet die Firma.

  • 2019

    MySpace bestätigt den Verlust aller Songs von 2003 bis 2015, rund 50 Millionen Titel.

Quellen

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