Dubai baggerte Sand vom Meeresboden, formte ihn zu einer Palme und verkaufte die Postkarte, bevor die erste Villa ein Dach hatte. Auch Kopenhagen baut gerade neues Land im Meer, einen ganzen Stadtteil namens Lynetteholm, und die Versuchung liegt nahe, ihn das Dubai von Dänemark zu nennen. Der Vergleich trägt sogar. Nur eben rückwärts, in fast jedem Detail, angefangen beim Baumaterial.
Das neueste Stück Dänemark besteht aus Resten.
Eine Halbinsel vom Abraumhaufen
Lynetteholm ist eine künstliche Halbinsel von rund 2,8 Quadratkilometern und wächst im Kopenhagener Hafen zwischen Nordhavn und Refshaleøen. Das dänische Parlament stimmte am 4. Juni 2021 zu, gebaut wird seit Januar 2022, Bauherrin ist By & Havn, die öffentliche Hafen- und Stadtentwicklungsgesellschaft.
Aufgeschüttet wird kein Sand vom Meeresboden, sondern überschüssiger Erdaushub von Baustellen: die Erde, die im Großraum Kopenhagen anfällt, sobald jemand eine Baugrube, einen Metroschacht oder eine Tiefgarage aushebt. Rund 80 Millionen Tonnen davon landen über etwa drei Jahrzehnte im Meer. Früher fuhren die Baufirmen dieses Material auf Deponien weit vor der Stadt. Heute zahlen sie eine Gebühr und kippen es bei Lynetteholm ab.
Diese Gebühr ist der Finanztrick hinter dem ganzen Projekt. Abkippgebühren und später der Verkauf von Baugrundstücken sollen die Kosten decken, der neue Stadtteil finanziert sich also beim Wachsen selbst. Eine Deponie, die sich langsam in Wassergrundstücke verwandelt, bezahlt von ihren Entsorgungskunden.
Kopenhagen spielt dieses Spiel seit 400 Jahren. In den 1620er Jahren ließ König Christian IV. Dämme ins flache Wasser zwischen Kopenhagen und Amager bauen, und der Stadtteil Christianshavn steht bis heute auf diesen künstlichen Inseln. Lynetteholm ist der alte Trick im modernen Maßstab.
Der Damm kam vor der Insel
Bevor Erde ins Meer durfte, brauchte die Halbinsel einen Rand. Seit Januar 2022 wächst vom Meeresboden ein Steindamm empor, sieben Kilometer Gestein insgesamt, ein Teil davon per Schiff aus Norwegen. Dieser Perimeter erledigt zwei Jobs auf einmal: Er hält die Aufschüttung an Ort und Stelle, und er ist eine Sturmflutbarriere für die tief liegende Hauptstadt. Offiziell ist Lynetteholm Teilstück 11 von 14 im Kopenhagener Küstenschutzplan.
Die Ostküste zum offenen Wasser ist der clevere Teil. Statt einer senkrechten Mauer zeigen die Pläne rund 60 Hektar weiches Küstengelände: Strände, Dünen und Küstenwald, geformt, um die Energie anrollender Wellen zu schlucken. Eine zerklüftete, flach ansteigende Küste lässt sich außerdem leichter erhöhen, falls das Meer schneller steigt als berechnet. Dieser grüne Rand soll 2029 für alle öffnen, Jahrzehnte bevor der Stadtteil dahinter existiert.
Ein König im Bagger
Am 17. Juni 2026 war der Perimeter fertig, und Dänemark feierte das auf sehr dänische Art. König Frederik X. setzte einen Bauhelm auf, wurde von Maschinenführer Poul Holmgaard der Baufirma Aarsleff am Bagger empfangen und kippte die letzte Schaufel Steine und Kies eigenhändig auf den Damm. Mit dieser Ladung schloss sich der sieben Kilometer lange Ring um Lynetteholm.
Seit dem 23. August 2026 können die Kopenhagener einmal komplett um ihren künftigen Stadtteil herumlaufen, rund 4,7 Kilometer Weg auf dem neuen Damm. Es dürfte der seltsamste Stadtspaziergang Europas sein: eine volle Runde um ein Viertel, das größtenteils noch Wasser ist und Jahrzehnte von seinen ersten Bewohnern trennt.
Den Spaziergang gibt es rund 44 Jahre vor dem Stadtteil. Fertig entwickelt sein soll Lynetteholm erst um 2070, die meisten Menschen, die einmal innerhalb des Rings wohnen werden, sind also noch nicht geboren.
Die Ostsee ist das Gegenargument
Es klatschen nicht alle. Die Ostsee ist ein Brackwassermeer, ihr Ökosystem hängt an Schüben salzigen, sauerstoffreichen Wassers, die aus dem Kattegat durch wenige tiefe Rinnen hereindrücken. Eine dieser Rinnen, das Kongedybet, verläuft direkt an Kopenhagen vorbei, und die neue Halbinsel steht ihr im Weg. Kritiker, darunter dänische und schwedische Forscher und Umweltverbände, halten die Umweltprüfung an diesem Punkt für zu oberflächlich. 2022 beschwerten sich 17 Organisationen bei der EU-Kommission.
Die dänische Klimabewegung Klimabevægelsen ging weiter und verklagte 2021 das Verkehrsministerium und By & Havn. Im März 2024 entschied das Östliche Landgericht, dass der Prozess laufen darf, die Bauarbeiten aber nicht pausieren müssen. Die Bagger baggerten weiter. Dazu kommt die CO2-Rechnung: Laut den Umweltunterlagen des Projekts, zitiert vom TIME Magazine, verursacht der Bau zwischen 2023 und 2055 rund 243.000 Tonnen CO2, was Gegner schwer mit einem Projekt vereinbaren finden, das als Klimaschutz verkauft wird.
Und dann steckt im Spitznamen selbst ein Vorwurf: dass Kopenhagen hinter der Sturmflutgeschichte in Wahrheit Premium-Wasserlagen baut. Die Stadt verweist auf ihre Planungsregeln, die in neuen Vierteln einen Anteil bezahlbaren Wohnraums vorschreiben. Ob das reicht, zeigt sich erst um 2070, ein bequemer Termin für alle, die heute Versprechen abgeben.
Dubai, nur rückwärts
Hält man beide Projekte nebeneinander, kippt der Spitzname. Die Palm Jumeirah war zuerst Luxusvision, aus sauberem Baggersand gezaubert und Jahre vor Fertigstellung mit Renderings von Villen und Hotels vermarktet. Lynetteholm begann als Hochwasserschutz und Entsorgungsproblem, besteht aus dem unglamourösen Inhalt von Baugruben und lässt seine ersten Bewohner noch Jahre warten. Der beschlossene Plan rechnete mit 35.000 Menschen. Berichte rund um den Meilenstein 2026 beziffern die aktuelle Ambition auf bis zu 50.000 Bewohner und 30.000 Arbeitsplätze, angebunden über eine neue Metrolinie und einen östlichen Ringstraßentunnel, die beide bis heute nicht endgültig beschlossen sind.
Ein Unterschied fehlt noch, und er ist die Pointe: Megaprojekte sind berühmt dafür, ihre Budgets zu sprengen. Der dänische Ökonom Bent Flyvbjerg hat das ein Berufsleben lang dokumentiert und daraus das Buch How Big Things Get Done * (Werbung) gemacht, in dem neun von zehn Großprojekten den Kostenrahmen, den Zeitplan oder beides reißen. Ausgerechnet das größte Landgewinnungsprojekt seines Heimatlandes meldete sich im Plan und im Budget, als der König den Ring schloss.
Das Dubai von Dänemark hat also keine Palmenform, keine Marketing-Villen und keinen Baggersand. Es hat einen Steinring in einem kalten Meer, einen Gerichtsprozess, einen öffentlichen Rundweg um eine leere Zukunft und ein Geschäftsmodell, das die Keller von gestern in die Küste von morgen verwandelt, Lkw-Ladung für Lkw-Ladung. Die Postkarte dauert noch bis 2070. Der Spaziergang geht schon heute.
Die Zeitleiste
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1620er
Christian IV. lässt Dämme zwischen Kopenhagen und Amager bauen. Christianshavn steht bis heute auf diesem gewonnenen Land.
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2021
4. Juni: Das dänische Parlament beschließt Lynetteholm. Noch im selben Jahr verklagt Klimabevægelsen das Verkehrsministerium und By & Havn.
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2022
Januar: Der Bau des Perimeterdamms beginnt. 17 Organisationen beschweren sich bei der EU-Kommission.
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2023
Die ersten Ladungen Erdaushub von Kopenhagener Baustellen gehen ins Meer.
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2024
März: Das Östliche Landgericht lässt die Klage laufen, erlaubt aber den Weiterbau während des Verfahrens.
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2026
17. Juni: König Frederik X. kippt vom Bagger aus die letzte Schaufel Gestein und schließt den sieben Kilometer langen Ring. 23. August: Der 4,7 Kilometer lange Rundweg um Lynetteholm öffnet.
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2029
Die grüne Ostküste mit Stränden, Dünen und Küstenwald soll für die Öffentlichkeit öffnen.
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~2050er
Nach rund drei Jahrzehnten Erdanlieferung soll die Aufschüttung abgeschlossen sein.
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~2070
Der Stadtteil soll fertig entwickelt sein, mit Zehntausenden Bewohnern.
Quellen
- By & Havn: Lynetteholm (offizielle Projektseite)
- TIME: How an Artificial Island Became One of Europe's Most Controversial Climate Projects
- Dänisches Königshaus: S.M. der König weiht Lynetteholms Perimeter ein
- DR: Der König setzte den Helm auf und schloss den Ring um Lynetteholm
- Dansk Byudvikling: Großer Meilenstein für Lynetteholm
- State of Green: Lynetteholm, Klima- und Hochwasserschutz
- taz: Sturmflut-Barriere bedroht Ostsee
- fluter: Halbinsel, halb Problem
- Skand.Baunews: Lynetteholm-Prozess entschieden
- Wikipedia: Christianshavn
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