In Roar Uthaugs „Troll", dem Netflix-Film vom 1. Dezember 2022, stirbt das Ungeheuer so, wie es jedes norwegische Schulkind erwartet. Sonnenlicht trifft es, und es hört auf zu leben. Die Fortsetzung vom 1. Dezember 2025 hält sich an dieselbe Regel.
Die Regel ist alt. In den ältesten schriftlichen Quellen geht es dabei allerdings gar nicht um Trolle.
Zuerst kam das Wort
Das Altnordische kannte das Substantiv troll (auch trǫll geschrieben), aber es bezeichnete keine bestimmte Wesensart. Das Wörterbuch von Cleasby und Vigfusson, bis heute das Standardwerk für die Sprache, übersetzt es als Sammelbegriff für „Riese, Unhold, Dämon". Die heidnischen Nordleute hatten keinen Teufel, also erledigte troll diese Aufgabe: Der Begriff deckte alles ab, was übernatürlich, riesig und meistens feindselig war. Werwölfe zählten dazu, ebenso Menschen mit der Fähigkeit zur Gestaltwandlung, beschrieben als eigi einhamr, also nicht von einer einzigen Haut.
Die feststehenden Wendungen zeigen die Bandbreite. Troll hafi þik heißt „ein Troll hole dich" und war ein Fluch. Troll milli húss ok heima, ein Troll zwischen Haus und Heim, funktioniert wie „die Wahl zwischen Pest und Cholera". Und dann gibt es tryggr sem tröll, treu wie ein Troll, weil die alten Riesen in manchen Geschichten eine Freundlichkeit vergelten und ihr Wort halten. Das Wort lag näher an „Monster" als an einer Gattung. Die Gattung kam später.
Ein Troll beantwortet die Frage
Der älteste erhaltene Versuch einer Auskunft darüber, was ein Troll eigentlich ist, kommt aus dem Mund des Trolls.
Snorri Sturlusons Prosa-Edda, um 1220 in Island geschrieben, enthält ein Buch über Dichtkunst mit dem Titel Skáldskaparmál. Darin reitet ein Dichter spätabends durch einen Wald, eine Trollfrau hält ihn an und will wissen, wer da vorbeikommt. Sie stellt sich zuerst selbst vor, in einer Kette von Kenningar, jenen verdichteten Rätsel-Umschreibungen, von denen die Skaldendichtung lebte. Übertragen nach der englischen Fassung von Arthur Gilchrist Brodeur (1916):
Sie nennen mich Troll: Nager des Mondes, Riese der Sturmböen, Fluch der Regenhalle, Gefährtin der Seherin, nachtstreifende Hexe, Verschlingerin des Himmelsbrots. Was ist ein Troll, wenn nicht das?
Der altnordische Text beginnt mit Troll kalla mik, und über diese drei Wörter streitet die Forschung bis heute. Anthony Faulkes, dessen Ausgabe von 1995 als englischer Standardtext gilt, liest „Trolle nennen mich", womit die Liste ihr Name unter ihresgleichen wäre. Die Datenbank Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages bevorzugt „Sie nennen mich Troll", womit es eine Auskunft an einen Menschen ist. Beide Lesarten sind vertretbar, und die Entscheidung ändert, an wen die Antwort gerichtet ist.
Snorri schreibt den Vers Bragi Boddason zu, dem frühesten namentlich bekannten Skalden, von dem Verse überliefert sind, tätig in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Die Begegnung selbst gilt in der Forschung als Legende und nicht als Biografie, der Vers kann also jünger sein als Bragi. Überliefert ist so oder so die Form der Antwort: Auf die Frage nach ihrer Natur liefert die Trollfrau sechs Rätsel und ein Achselzucken, und der Dichter antwortet ihr mit eigenen Kenningar darüber, was ein Dichter ist. Keiner der beiden findet das seltsam.
„Verschlingerin des Himmelsbrots" heißt wörtlich „Radschlucker des Himmels". Das Rad ist die Sonne, und wer sie schluckt, ist ein Troll. Diesen Appetit gibt es in der nordischen Mythologie auch anderswo: Zwei Wölfe jagen Sonne und Mond über den Himmel und holen sie bei Ragnarök ein.
Die Sonnenregel gehört einem Zwerg
Bei Sonnenaufgang zu Stein zu werden ist das eine, was alle über Trolle wissen. Die beiden frühesten klaren Belege dafür handeln von anderen Wesen.
Der erste ist Alvíssmál, ein Lied der Lieder-Edda. Alvíss ist ein Zwerg, im ganzen Text auch so genannt, und er will Thors Tochter heiraten. Thor hält ihn im Gespräch, Frage um Frage nach den Namen der Dinge, bis die Sonne aufgeht und der Zwerg zu Stein wird. Die Falle ist das Gespräch.
Der zweite steckt in Helgakviða Hjörvarðssonar. Hrímgerðr, dort eine gýgr und damit eine Riesin, wird in einem Streitgespräch in Versen festgehalten, bis der Morgen kommt. Die Strophe, die sie erledigt, benennt die Methode ohne Umschweife: Dagr er nú, Hrímgerðr, en þik dvalða hefr Atli til aldrlaga. Nun ist Tag, Hrímgerðr, und Atli hat dich in den Tod hinein aufgehalten. Danach steht sie als Stein im Hafen und dient als Landmarke.
Ein Zwerg also und eine Riesin, und in beiden Fällen redet jemand sie absichtlich in den Sonnenaufgang hinein. Überliefert sind die Lieder in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts, dem Codex Regius, wobei die Verse darin älter sind und über das Wieviel seit zwei Jahrhunderten gestritten wird. Die Quellen zeigen ein Motiv, das allen Wesen der Dunkelheit galt und sich erst später auf den Troll verengte, bis es dessen Markenzeichen wurde.
Die Riesen schrumpften
Irgendwann zwischen den Sagas und dem 19. Jahrhundert verlor der Troll den größten Teil seiner Körpergröße.
Die skandinavische Volksüberlieferung kennt kleine Trolle in Grabhügeln und Bergen, troldfolk und bjergtrolde in Dänemark, trollfolk und tusser in Norwegen, je nach Landstrich menschengroß oder deutlich kleiner. Der Skandinavist John Lindow, der den ganzen Bogen in „Trolls: An Unnatural History" * (Werbung) nachzeichnet, datiert das hässliche Monster der modernen Fantasy frühestens auf das Spätmittelalter und weist darauf hin, dass frühe Trolle genauso oft Helfer wie Störenfriede waren.
Festgeschrieben wurde die Fassung, die wir vor Augen haben, im Druck, und gedruckt wurde in Norwegen. Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe veröffentlichten 1841 ein dünnes Heft mit Volksmärchen, ohne Titelblatt, ohne Herausgebernamen, ohne Inhaltsverzeichnis. Richtige Bände folgten 1843 und 1844, eine zweite Auflage 1852, bis 1874 die fünfte. Die ursprüngliche Sammlung umfasste 58 Märchen, später 60, und 1871 kam eine zweite Sammlung mit 50 weiteren dazu. Darunter ist De tre bukkene Bruse, drei Ziegenböcke und ein Troll unter einer Brücke, für viele Kinder bis heute die erste Begegnung mit der Gattung.
Zwei Illustratoren machten den Rest
Zunächst waren die Märchen reiner Text. Die Ausgabe von 1879 war die erste vollständig illustrierte, mit Arbeiten von Peter Nicolai Arbo, Hans Gude, Erik Werenskiold und anderen. Dort bekam der Troll ein Gesicht.
Theodor Kittelsen (1857 bis 1914) zeichnete die maßgeblichen Bilder. Skogtroll, der Waldtroll, entstand 1906, Juletroll 1907, Trollet som grunner på hvor gammelt det er, der Troll beim Nachdenken über sein Alter, 1911. Seine Trolle tragen Moos auf dem Rücken, Bäume auf dem Kopf und eine gewaltige Nase, und sie wirken meistens eher schwermütig als bedrohlich. In Schweden illustrierte John Bauer (1882 bis 1918) von 1907 bis 1915 jedes Jahr die Anthologie Bland tomtar och troll und lieferte die andere Hälfte des Bildes, darunter 1913 sein bekanntestes Blatt: die Prinzessin Tuvstarr, die in einen Waldsee schaut.
Zwei Männer, die innerhalb eines Jahrzehnts arbeiteten, legten damit fest, wie ein Troll aussieht. Jeder Troll seither zeichnet aus ihren Skizzenbüchern ab.
Norwegen bewahrt die Beweise im Freien auf
Die Sonnenregel hat handfeste Spuren hinterlassen, und das ist der Teil, der überraschend bleibt. An der Helgelandsküste sind die Berge das Personal einer einzigen Geschichte.
Hestmannen verfolgte die schöne Lekamøya die Küste entlang nach Süden. Ihre sieben Schwestern schlossen sich der Flucht an und fanden die Jagd so unterhaltsam, dass sie die Zeit vergaßen. Als Hestmannen sah, dass er sie nicht einholen würde, schoss er einen Pfeil. Der König von Sømna warf seinen Hut in die Flugbahn, der Pfeil durchschlug den Filz und verlor seine Kraft. In diesem Moment ging die Sonne auf, und die ganze Szene wurde zu Stein.
Die sieben Schwestern sind die Gipfel von De syv søstre, die zwischen Sandnessjøen und Alstahaug in einer Reihe stehen. Der Hut ist Torghatten, ein 258 Meter hoher Berg vor Brønnøysund mit einem Loch mitten hindurch: 166 Meter lang, im Schnitt 41 Meter hoch, 115 Meter über dem Meer. Man kann hindurchlaufen. Hestmannen liegt bis heute vor der Küste in Höhe des Polarkreises, und Lekamøya schaffte es bis auf die Insel Leka. Jeder dieser Orte ist real und hat einen Fährfahrplan.
Zur Trolltunga, dem Felsvorsprung, dessen Name „Trollzunge" bedeutet, gehört überhaupt keine alte Sage. Bis 2010 wanderten weniger als 800 Menschen im Jahr dorthin. 2016 waren es rund 80.000. Das Foto hat geschafft, wofür die Überlieferung nie zuständig war.
Der Internet-Troll kam von woanders
An dieser Stelle teilt sich der Stammbaum, und er teilt sich anders herum, als fast alle annehmen.
Das englische Verb troll kam im späten 14. Jahrhundert aus dem Altfranzösischen troller ins Englische und bedeutete umherstreifen auf der Suche nach Wild. Um 1600 kam die Bedeutung aus der Fischerei dazu: einen Köder langsam durch aussichtsreiches Wasser ziehen und warten, dass etwas anbeißt. Das Fabelwesen ist ein getrennter Import. Das Substantiv wanderte erst um 1610 aus dem Altnordischen ins Englische, rund zwei Jahrhunderte später.
Die Internet-Bedeutung wuchs aus dem Angel-Verb. Im Usenet gingen die Stammgäste der Newsgroup alt.folklore.urban „trolling for newbies": Sie stellten Fragen, die so gründlich abgehandelt waren, dass nur Neulinge sie ernsthaft beantworteten. Es war ein Insiderwitz, bevor es eine Beleidigung wurde. Der älteste Beleg des Oxford English Dictionary für die Online-Bedeutung stammt vom 14. Dezember 1992 aus genau dieser Newsgroup. Ein Beitrag von 1993 zeigt die Grammatik schon im Umbau: „Or have I just been trolled?" Der Köder wirkte inzwischen auf die Person statt auf das Wasser.
Das Ungeheuer kam dann seitlich wieder ins Bild. Sobald das Substantiv in Gebrauch war, übernahm die Volksetymologie, und der Internet-Troll wurde ein Wesen unter der Brücke statt eine aus der Fischerei entliehene Methode. Diese Herkunft ist falsch, und sie hat sich so gründlich durchgesetzt, dass die richtige heute wie eine Besserwisserei klingt.
Zurück in den Wald
Uthaugs Film ist der vierte oder fünfte Akt dieser Geschichte, je nachdem, wo man zu zählen beginnt. Er stellt den Troll wieder auf volle Größe, führt ihn aus dem Dovre-Gebirge heraus und tötet ihn mit dem Sonnenaufgang, so wie die Edda einen Zwerg tötet. Die Produktion des zweiten Teils wurde als größte der nordischen Filmgeschichte bezeichnet und 2024 in Trondheim, Jotunheimen, Rjukan und Budapest gedreht.
Achthundert Jahre früher, in einem Handbuch über das Dichten, traf jemand einen Troll auf einem Waldweg und fragte, was sie sei. Sie gab ihm sechs Kenningar und ließ die Frage stehen. Was ist ein Troll, wenn nicht das?
Die Zeitleiste
-
9. Jh.
Bragi Boddason, der früheste namentlich bekannte Skalde mit überlieferten Versen, gilt später als Urheber des Wechselgesangs mit der Trollfrau.
-
um 1220
Snorri Sturluson schreibt die Prosa-Edda in Island. Skáldskaparmál bewahrt die Selbstbeschreibung des Trolls.
-
13. Jh.
Die Handschrift Codex Regius überliefert die Lieder-Edda, darunter den Zwerg Alvíss und die Riesin Hrímgerðr, die im Morgengrauen zu Stein werden.
-
um 1610
Das Substantiv „troll" wandert aus dem Altnordischen ins Englische, mit der Bedeutung Riese oder böser Geist.
-
1841
Asbjørnsen und Moe veröffentlichen ihr erstes Heft norwegischer Volksmärchen, ohne Titelblatt und ohne Herausgebernamen.
-
1879
Die erste vollständig illustrierte Ausgabe der Märchen gibt dem Troll ein Gesicht.
-
1906
Theodor Kittelsen malt Skogtroll. John Bauer illustriert von 1907 bis 1915 Bland tomtar och troll.
-
1992
14. Dezember: der älteste OED-Beleg für „troll" in der Internet-Bedeutung, aus der Newsgroup alt.folklore.urban.
-
2016
Rund 80.000 Menschen wandern zur Trolltunga, vor 2010 waren es weniger als 800 im Jahr.
-
2022
Netflix veröffentlicht „Troll" am 1. Dezember. Die Fortsetzung folgt am 1. Dezember 2025.
Quellen
- Wikipedia: Troll (mit Faulkes' Übersetzung des Bragi-Verses, 1995)
- Skaldic Poetry of the Scandinavian Middle Ages: Snorri Sturluson, Skáldskaparmál 67
- Brodeurs Prosa-Edda-Übersetzung von 1916
- Cleasby-Vigfusson, Altnordisches Wörterbuch: tröll
- Wikipedia: Alvíssmál
- Heimskringla: Helgakviða Hjörvarðssonar (altnordischer Text)
- Wikipedia: Norske Folkeeventyr, Asbjørnsen und Moe
- John Lindow, Trolls: An Unnatural History
- Wikipedia: Theodor Kittelsen
- Wikipedia: John Bauer
- Visit Helgeland: Trolls and myths of Helgeland
- Wikipedia: Torghatten
- Wikipedia: Trolltunga
- Online Etymology Dictionary: troll
- Ben Zimmer: You've Been Trolled!
- Wikipedia: Troll (Film von 2022)
*Werbelink (Affiliate). Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
