Am 18. November 1883 ging vom Allegheny Observatory in Pittsburgh ein Telegrafensignal hinaus, mittags am 90. Längengrad. Die Eisenbahnen in den USA und Kanada stellten im selben Moment ihre Uhren danach. In Städten, deren alte Ortszeit hinter der neuen Norm lag, wurden die Zeiger zurückgedreht, und der Mittag fand zweimal statt.
Der Tag ging als Day of Two Noons in die Geschichte ein. An ihm entstand die moderne Zeitzone, und schuld daran war die Eisenbahn.
Jeder hatte seinen eigenen Mittag
Vorher war die Zeit eine örtliche Angelegenheit. Mittag war, wenn die Sonne über der eigenen Stadt am höchsten stand, und damit lagen der eigene Mittag und der des Nachbarorts ein paar Minuten auseinander. In den Vereinigten Staaten gab es über 300 lokale Sonnenzeiten.
Solange das schnellste Verkehrsmittel ein Pferd war, störte das niemanden. Reisende stellten bei der Ankunft einfach ihre Taschenuhr. Die Eisenbahn machte Schluss damit: Ein Fahrplan über tausend Meilen lässt sich nicht in 300 verschiedenen Zeiten schreiben, und zwei Züge, die nach zwei verschiedenen Mittagen fahren, landen irgendwann auf demselben Gleis.
Großbritannien war zuerst dran, mit einem zweiten Zeiger
Auf der Insel tauchte das Problem Jahrzehnte früher auf, weil dort die Eisenbahn früher fuhr. Die Great Western Railway synchronisierte ihre Bahnhöfe im November 1840, der erste belegte Fall, in dem getrennte Ortszeiten auf eine Norm gezogen wurden. Andere Gesellschaften folgten in den 1840er Jahren.
Die Städte gaben deshalb noch lange nicht nach. Die Londoner Zeit lief Bristol und Exeter etwa zehn Minuten voraus, also bekamen manche Uhren einen zweiten Minutenzeiger: einen für die Ortszeit, einen für die Eisenbahnzeit. Das Zifferblatt wurde zum diplomatischen Kompromiss. Die Uhr am Tom Tower von Christ Church in Oxford lief genauso. Der Dekan der Kathedrale von Exeter hielt bis November 1852 durch.
Rechtsverbindlich wurde eine einheitliche britische Zeit erst mit dem Statutes (Definition of Time) Act, der am 2. August 1880 die königliche Zustimmung erhielt, vierzig Jahre nach dem ersten Versuch der Eisenbahn.
Manche englischen Bahnhofsuhren trugen jahrelang zwei Minutenzeiger auf einem Zifferblatt: einer zeigte die Sonnenzeit der Stadt, der andere die Eisenbahnzeit. Fahrgäste mussten wissen, nach welchem Zeiger ihr Zug fuhr.
Ein Telegrafensignal
In Amerika kreiste die Idee schon länger. Der Lehrer Charles F. Dowd schlug 1870 vier Zonen für das Land vor und richtete den Entwurf 1872 am Nullmeridian von Greenwich aus. Cleveland Abbe, Chef des Wetterdienstes, wollte einheitliche Zonen, damit seine Beobachter ihre Messungen überhaupt vergleichen konnten, und empfahl 1879 vier davon. Im selben Jahr, am 8. Februar, legte der kanadische Ingenieur Sandford Fleming dem Royal Canadian Institute einen weltweiten Plan vor.
Bewegung kam am Ende aus der Branche selbst. Am 11. Oktober 1883 trafen sich die Eisenbahnmanager in Chicago und beschlossen einen Fünf-Zonen-Plan von William F. Allen. Sechs Wochen später lief das Telegrafensignal, und aus einem Land mit 300 Ortszeiten wurde eines mit fünf.
Der Rest der Welt, mit Verspätung
Im Oktober 1884 schickten 26 Länder 41 Delegierte zur Internationalen Meridiankonferenz nach Washington. Sie stimmten darüber ab, den Meridian durch das Durchgangsinstrument von Greenwich zum Nullpunkt der Längengrade zu machen: 22 dafür, eine Gegenstimme, zwei Enthaltungen. Dagegen stimmte San Domingo. Enthalten haben sich Brasilien und Frankreich.
Bis zur Umsetzung vergingen dann Jahrzehnte. Das Deutsche Reich vereinheitlichte seine Zeit erst am 1. April 1893 auf die Mitteleuropäische Zeit, zehn Jahre nachdem die amerikanischen Eisenbahnen die Sache für einen ganzen Kontinent geklärt hatten.
Die Reste
Ordentlich wurde die Karte nie, weil Zeitzonen der Politik folgen und nicht der Sonne.
Nepal liegt bei UTC+5:45, eine Viertelstunde neben dem großen Nachbarn Indien, und gehört zu den nur drei Zeitzonen der Welt mit einem 45-Minuten-Versatz. China erstreckt sich über fünf geografische Zeitzonen und fährt offiziell mit einer einzigen, in Kaschgar kommt der Abend also nach Pekinger Uhr. In Xinjiang läuft daneben inoffiziell eine zweite Zeit, zwei Stunden zurück.
Und die meisten Zeitzonen der Erde hat weder Russland noch die USA. Es ist Frankreich, das über seine Überseegebiete auf zwölf kommt, mit dem Anspruch in der Antarktis sogar auf dreizehn. Ausgerechnet das Land, das sich 1884 bei der Greenwich-Abstimmung enthielt, verteilt sich heute über mehr Zifferblatt als jedes andere.
Die Zeitleiste
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1840
Die Great Western Railway synchronisiert ihre Bahnhöfe, die erste belegte Standardzeit.
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1852
Der Dekan der Kathedrale von Exeter gibt die Ortszeit auf. Manche Uhren liefen bis dahin mit zwei Minutenzeigern.
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1870
Charles F. Dowd schlägt vier Zeitzonen für die Vereinigten Staaten vor.
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1879
Sandford Fleming stellt einen weltweiten Plan vor, Cleveland Abbe wirbt für vier US-Zonen zur Wetterbeobachtung.
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1880
Großbritannien gibt der einheitlichen Zeit Gesetzeskraft, vierzig Jahre nach der Eisenbahn.
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1883
18. November: der Day of Two Noons. Nordamerikas Eisenbahnen wechseln per Telegrafensignal auf fünf Zonen.
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1884
Die Internationale Meridiankonferenz entscheidet sich für Greenwich. Frankreich und Brasilien enthalten sich.
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1893
Das Deutsche Reich stellt auf die Mitteleuropäische Zeit um.
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Heute
Frankreich hat zwölf Zeitzonen, mehr als jedes andere Land. China hat eine, über fünf geografische.
