Irgendwo im Watt westlich der Halbinsel Nordstrand, an manchen Stellen unter zwei Metern Sand, an anderen unter kaum zwanzig Zentimetern, liegt der Grundriss einer Kirche, die in einer Januarnacht des Jahres 1362 aufhörte, benutzt zu werden. Rund dreihundert Jahre lang existierte diese Kirche nur als Geschichte. Weitere hundert Jahre war sie eine Forschungsfrage, die niemand klären konnte. Im Mai 2023 fand sie ein Team, das bei Niedrigwasser ein Magnetometer über den Schlick schob.

Die Geschichte von Rungholt lohnt sich zweimal. Einmal als die Legende, die den Ort berühmt gemacht hat, und einmal als das deutlich nüchternere Bild, das die Funde stützen. Die Lücke dazwischen ist der spannende Teil.

Die Legende

Die bekannte Version geht so: Rungholt war eine reiche Handelsmetropole, wohlhabend und übermütig geworden. Ihre Bürger zwangen einen Priester, einem betrunkenen Schwein die letzte Ölung zu geben, und verprügelten ihn, als er sich weigerte. Er betete um Strafe, wurde im Traum gewarnt, sich auf höheres Land zu retten, und in derselben Nacht holte sich das Meer die Stadt. Zehntausende ertranken. An manchen Tagen, heißt es, hört man die Kirchenglocken noch unter dem Wasser läuten.

Fast nichts davon ist mittelalterlich. Der älteste schriftliche Bericht über Rungholts Untergang steht in Anton Heimreichs Nord-Fresische Chronick, gedruckt 1666, drei Jahrhunderte nach dem Ereignis. Heimreich arbeitete mit heute verlorenen Unterlagen, und sein Bericht ist nachweislich wacklig: Die Flut selbst datierte er auf 1300 statt 1362. Einen ertrunkenen Ort als Gottesstrafe für Sünder zu lesen, war in seiner Zeit die übliche Deutung von Sturmfluten, und Flutlegenden dieses Typs kursierten an mehreren Stellen der Nordseeküste, bevor der Name Rungholt an ihnen hängen blieb.

Die literarische Fassung kam viel später. Theodor Storm verarbeitete den Stoff um 1871 in einer Novelle. Dann schrieb Detlev von Liliencron, damals Hardesvogt auf Pellworm, Anfang der 1880er die Ballade Trutz, blanke Hans. Ein gutes Gedicht, und es hat der historischen Wahrheit enormen Schaden zugefügt. Liliencron gab Rungholt babylonische Ausmaße: überquellende Speicher, Menschenmassen wie im alten Rom, exotische Händler in den Straßen. Hunderttausend Menschen ließ er in einer einzigen Zeile ertrinken.

„Atlantis der Nordsee" ist eine moderne journalistische Erfindung, die über all dem liegt. Sie verkauft sich gut. Ein Begriff der Geschichtsforschung ist sie nicht.

Fun Fact

Der Dichter, der Rungholt weltberühmt machte, hat es an die falsche Stelle gesetzt. Liliencron verlegte seine Ballade auf den Rungholt-Sand, eine Sandbank, an der er mit dem Dampfer vorbeifuhr und auf der der Ort mit ziemlicher Sicherheit nie stand.

Die Aktenlage

Die zeitgenössischen Quellen sind dünn, denn die Flut von 1362 riss nicht nur eine Lücke in die Küste, sondern auch in die schriftliche Überlieferung Nordfrieslands. Drei Dokumente tragen fast die ganze Last.

1345 taucht der Name Rungheholte in einem Schreiben aus Hamburg auf, es ging um ein Testament. Am 1. Mai 1361, acht Monate vor der Flut, schloss Rungholt einen Handelsvertrag mit Hamburger Kaufleuten, der Ort stand also noch und trieb Handel. Und ein Einnahmenregister des Bistums Schleswig von 1436 führt 24 Kirchen und Kapellen der Region als seit 1362 dauerhaft überflutet auf. Rungholt ist der einzige Eintrag mit Hauptkirche und einem Collegium, einer regionalen Kirchenversammlung.

Daraus rekonstruieren Historiker Rungholt als kirchliches, gerichtliches und administratives Zentrum der Edomsharde, einer von fünf Harden auf der alten Insel Strand, besiedelt unter der dänischen Krone. Und dabei fällt auf, was fehlt: Rungholt war nie eine Stadt im rechtlichen Sinn. Es hatte kein Stadtrecht. Es war ein Kirchspiel und ein Verwaltungssitz.

Die Flut

Die Sturmflut, die meist auf den 16. Januar 1362 datiert wird, heißt die Erste Grote Mandränke, niederdeutsch für „großes Menschenertrinken". Sie fegte über die Nordseeküste von Flandern über die Niederlande und Deutschland bis nach Dänemark und England. Die Totenzahlen, die dazu kursieren, mal 25.000, mal 100.000, haben keine verlässliche mittelalterliche Grundlage. Es sind frühneuzeitliche und moderne Schätzungen, aufeinandergestapelt.

Gut belegt ist dagegen der Landverlust. Große Teile Nordfrieslands wurden nie wieder eingedeicht. Fruchtbares Marschland wurde zu Watt und blieb es. Deshalb lässt sich die Fundstelle heute bei Ebbe zu Fuß vermessen.

Ein Bauer und eine Schleuse

1921 fand Andreas Busch, Landwirt auf Nordstrand und Forscher aus eigenem Antrieb, im Watt bei der Hallig Südfall die Reste einer alten Schleuse. In den siebzehn Jahren danach legten die Gezeiten immer mehr frei: Warften, Gebäudereste, einen Deichfuß, Brunnen, Zisternen. Das Meer zerstörte das meiste davon binnen weniger Jahre wieder, aber Busch dokumentierte alles zuerst und verband seine Feldnotizen mit alten Karten, Geologie und Hydrologie zu dem Argument, dass dies Rungholt sei.

Die heutige Forschung hält seine Deutungen im Kern für richtig, auch wenn seine Datenbasis für einen Beweis zu schmal war. Dass die Siedlung real existiert hat, galt in der Geschichtswissenschaft ab Ende der 1930er als anerkannt. Der Name auf den Ruinen blieb weitere neunzig Jahre eine offene Frage.

Die Kirche unter dem Schlick

Seit etwa 2015 vermisst ein Team der Universitäten Kiel und Mainz, des Leibniz-Zentrums für Archäologie und des Archäologischen Landesamts Schleswig-Holstein das Watt mit Magnetometern, elektromagnetischer Induktion, Seismik und Bohrkernen. Gearbeitet wird in Fenstern von zwei bis vier Stunden pro Tag rund ums Niedrigwasser, bevor das Meer zurückkommt. Die Gesamtergebnisse erschienen im Juli 2024 in Scientific Reports.

Das Bild, das dabei entstand: 64 Warften auf mindestens zehn Quadratkilometern, in Reihen entlang von Entwässerungsgräben, vier Siedlungsbereiche plus ein Hafenplatz, alles in einem einzigen eingedeichten Koog. Und auf einer zentralen Warft das Fundament einer Kirche von rund 40 mal 15 Metern. Die Datierung setzt die Siedlung ins 12. bis 14. Jahrhundert. Zu den Funden gehören glasierte Keramik, Kessel aus Bronze und Messing, Schwerter und Fayence aus dem maurischen Spanien. Rungholt war wohlhabend und gut vernetzt.

Fun Fact

Die Kirchwarft selbst ist vollständig weggespült. Die Magnetometer fanden einen Abdruck: den Fundamentgraben, der in den Torf gegraben wurde, und eine 40 Zentimeter tiefe Delle, die das Gewicht des Gebäudes in den Boden gedrückt hat. Die Kirche überlebt als Form ihrer eigenen Abwesenheit.

Die Kirche ist der entscheidende Fund. In Nordfriesland sind Kirchen über 30 Meter Länge nur als Hauptkirchen einer Harde bekannt, und genau das ist das Rungholt der Dokumente. Aus der Größe der Siedlung ergibt sich außerdem eine Bevölkerungsschätzung: rund 1.000 bis 1.300 Menschen.

Diese Zahl erledigt die Legende gründlicher als jedes Argument über betrunkene Schweine. Lübeck hatte zur selben Zeit rund 20.000 Einwohner. Rungholt war ein stattliches, gut vernetztes ländliches Kirchspielzentrum. Eine Metropole war es nicht, und hunderttausend Menschen können nicht ertrinken, wo tausend wohnen.

Das Land hat sich selbst ertränkt

An dieser Stelle sagt die Forschung etwas, das die Legende nie sagen konnte.

Nordfrieslands Marschen waren die längste Zeit kaum bewohnbar. Die systematische Landgewinnung begann erst um 1100, und sie funktionierte, ungefähr zwei Jahrhunderte lang. Dann schlossen sich die Rückkopplungen. Entwässerte Marsch sackt zusammen und sinkt. Torfstechen, für Brennmaterial und für die Salzgewinnung, senkt die Oberfläche weiter ab, nach den Befunden hier vermutlich bis auf die Höhe eines normalen Hochwassers. Und die Deiche selbst nahmen dem Wasser den Raum zum Ausbreiten und trieben damit die Sturmflutpegel draußen nach oben.

Dieselben Techniken, die das Land ertragreich machten, machten es ertränkbar. Der Sturm von 1362 war der Auslöser, aber die Verwundbarkeit hatten die Bewohner über zweihundert Jahre selbst hergestellt. Das ist eine erheblich unbequemere Moral als „Gott strafte die Sünder". Und anders als die Legende lässt sie sich verallgemeinern.

Fun Fact

Die Zuordnung beruht bis heute auf Indizien. Die Fundstelle passt zu den Dokumenten, zu den Karten und zur einzigen Hauptkirche der Gegend, aber kein Fund aus dem Watt trägt den Namen Rungholt. Ein starker Fall, kein Türschild.

Eine Frist im Watt

Beim Zeitplan sind die Forscher ungewöhnlich deutlich. Rund um Südfall sind die mittelalterlichen Reste schon so erodiert, dass viele nur noch als Negativabdrücke im Sediment erhalten sind, als Abdruck einer Sache statt der Sache selbst. Wind und Wellen tragen den Rest ab. 2024 fand das Team Spuren von 19 weiteren, bisher unbekannten Warften. Die Karte wird also noch gezeichnet, während die Fundstelle verschwindet.

Das Wattenmeer ist UNESCO-Weltnaturerbe wegen seiner Ökologie. Es ist außerdem eines der bemerkenswertesten archäologischen Archive Europas, und es löscht sich gerade selbst. Rungholt hat sechshundert Jahre unter Wasser überstanden. Weitere hundert werden es wohl nicht.

Wer tiefer einsteigen will: Der Standardband zur kritischen Rungholt-Forschung ist Rungholt – rätselhaft und widersprüchlich * (Werbung), erschienen zur gleichnamigen Ausstellung des NordseeMuseums Husum.

Die Chronik

  • ~1100

    Unter der dänischen Krone beginnt die systematische Erschließung der nordfriesischen Marschen. Deiche, Entwässerungsgräben, Torfabbau.

  • 1345

    Älteste erhaltene Erwähnung des Namens Rungheholte, in einem Schreiben aus Hamburg wegen eines Testaments.

  • 1361

    Rungholt schließt einen Handelsvertrag mit Hamburger Kaufleuten, acht Monate vor der Flut.

  • 1362

    Die Erste Grote Mandränke, meist auf die Nacht des 16. Januar datiert, ertränkt Rungholt und weite Teile der nordfriesischen Küste.

  • 1436

    Ein Kirchenregister führt 24 Kirchen der Region als seit 1362 dauerhaft überflutet. Rungholt ist der einzige Eintrag mit Hauptkirche und Collegium.

  • 1666

    Anton Heimreich druckt den ältesten erhaltenen Bericht der Legende, drei Jahrhunderte nach der Flut, mit falscher Jahreszahl.

  • 1880er

    Detlev von Liliencrons Ballade Trutz, blanke Hans macht aus Rungholt eine versunkene Metropole mit hunderttausend Toten.

  • 1921

    Der Landwirt Andreas Busch findet im Watt bei Südfall eine mittelalterliche Schleuse und beginnt zu dokumentieren, was die Gezeiten freilegen.

  • 2015

    Die geophysikalische Vermessung des Gebiets beginnt, in Fenstern von zwei bis vier Stunden rund ums Niedrigwasser.

  • 2023

    Im Mai findet das Team das Fundament der Rungholter Kirche, 40 mal 15 Meter, unter dem Schlick.

  • 2024

    Die Gesamtergebnisse erscheinen in Scientific Reports: 64 Warften, ein Hafen und eine Bevölkerungsschätzung von etwa 1.000 bis 1.300 Menschen.

Quellen

*Werbelink (Affiliate). Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.